Februarfarben
Noch immer eisig. Die Sonne blickt kalt vom kalten Himmel und macht mir kalte Gedanken. Die Leute an der Bushaltestelle tragen Wölkchen vor ihren Gesichtern. Gesagtes verflüchtigt sich in kleinen Nebeln - Nichtgesagtes auch. Der Winter hat einen langen Atem, mit dem er die Welt einhüllt, in dem alle Farben zu Pastellen werden, mit Eisrosen bestickt. Ich werde diese Farben nicht vergessen.
Ich werde die Sonnenuntergänge von unserem Balkon aus nicht vergessen. Die sind auch im Winter noch von den allerschönsten - obwohl die Sonne im Winter nicht genau in Verlängerung der Straße hinter den Horizont fällt wie im Sommer. Dann leuchten an Sommerabenden sämtliche Fassaden auf beiden Straßenseiten minutenlang im feierlichen Tagesfinale. Aber im Sommer wie im Winter hat die Sonne hier andere Farben als zu Hause, das Licht ist durchsichtiger, der Himmel höher. Ich werde sie nicht vergessen, diese Farben.
Kinder mit Schulranzen formen Eisklumpen aus den schmutzigen Schneerändern und bewerfen sich unter lautem Geschrei, holen mich wieder in den Augenblick. Das ist also übrig geblieben von den federleichten Krümeln, die wie glimmendes Licht auf die Erde schwebten. Der erste Schnee meines Lebens vor zwei Jahren. Ich dachte, wo es so etwas atemlos Schönes gibt, muß die Welt eine andere sein. Mir schien das Schneekristall ein gutes Sinnbild für die Zeit, die vor mir lag: Es ist einmalig, unverwechselbar und blüht trotzdem völlig schwerelos.
Kurze Zeit später wusste ich: Wo es so etwas Trostloses wie braunverkrustete Schneereste gibt, ist die Welt die gleiche wie überall - wenn nicht noch viel schlimmer. Aber das Weiß von fallendem Schnee, das eigentlich gar kein weiß, sondern eben schnee ist, das werde ich trotzdem nie vergessen.
Ich muss zum Bahnhof, mir eine Fahrkarte für morgen kaufen. In diesem Moment bin ich ganz dankbar, dass sie sich beim Bau der Nord-Süd-Verbindung dieses Städtchens erbarmt haben. Auch wenn ich sonst oft über die Leute hier gelächelt habe, die so stolz sind auf ihren Anschluß an die große, weite Welt. Im Schaufenster eines Blumengeschäfts stehen Valentinssträuße mit Herzchen in allen Größen.
Die Fahrkarte war das Letzte, was noch zu erledigen war, jetzt sitze ich in einem kleinen Café und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Meine Koffer sind gepackt, ich muß nur noch warten. Heute werden sie eine Abschieds-Überraschungsparty für mich veranstalten. Da muß ich also den ganzen Abend lang überrascht sein und werde keinen Moment mehr Ruhe haben. Wenigstens für einen Milchkaffee will ich jetzt allein sein. Ich habe mich hier wohl gefühlt, habe Freunde gefunden, Menschen zu verstehen begonnen, eine neue Sprache für neue Gefühle gelernt oder neue Gefühle für die neue Sprache. Menschen, Sprache und Erfahrungen, die mich Tränen und Nerven gekostet haben und die mir fehlen werden. Aber da war immer wieder die andere Seite des Mondes, der abwesende Teil von mir, der nie von dort wegging, wo das Wasser sich andersherum dreht, wo sich das Leben andersherum dreht. Ich schaue in meine Tasse: Vielleicht dreht sich auch der Kaffee andersherum, aber das ist ja Blödsinn, der dreht sich, wie ich ihn rühre.
Eigentlich sollte ich jetzt über die letzten zwei Jahre nachdenken, mich erinnern, wo ich am Anfang stand, feststellen, wo ich jetzt stehe und eine Bilanz ziehen. Abschließend sollte ich mir dann drei vernünftige Gedanken zu meiner Zukunft machen. Ich rühre in meinem Kaffee. Mir fällt auf, dass ich rühre, wo es nichts zu rühren gibt, denn ich trinke meinen Kaffee ohne Zucker. Ich rühre weiter. Das ist ungefähr so sinnlos wie meine Abneigung dagegen, dass sich das Toilettenpapier nach hinten abrollt. Ich bin dann geradezu zwanghaft getrieben, die Rolle umzudrehen. Völlig irrationale Handlungen, Details nur, und ich denke, dass 26 eigentlich noch kein Alter ist, um wunderlich zu werden.
Ich werde die Farbe des Milchkaffees nicht vergessen.
Auf dem Weg in meine WG sehe ich die Vögel wieder. Sie sind das Schönste, was ich seit langem gesehen habe - ausgenommen vielleicht Johnny Depp in "Gilbert Grape", auf Video vor ein paar Tagen. Die Vögel, wenn sie ihr Schlafengehen feiern und ungefähr zehn Minuten lang ihre Schlafbäume umtanzen. Sie kommen nach und nach, in kleineren Schwärmen aus allen Richtungen. Immer mehr werden es, die über dem Gelände der alten Klinik weite Schleifen ziehen. Ihr vielförmiger Balg wälzt sich über die Dächer und schwillt plötzlich an, bis er die Luft ausfüllt. Dann teilen sie sich, streben auseinander, verlieren sich fast in der Tiefe des Himmels, kommen in weitem Bogen zurück. Die beiden Schwärme fliegen aufeinander zu, scheinen sich zu durchdringen, aber vielleicht liegt das auch nur an der fehlenden Tiefenschärfe meiner Augen. Einen Moment ist ein Knäuel zu sehen, dann finden sie wieder den Weg auseinander. Bei dem Manöver spalten sich mehrere kleinere Fetzen ab, wobei jeder einzelne die perfekt synchrone Formation beibehält: Jedes einzelne Tier dreht sich im selben Moment in die Kurve, so wird die Wolke gleichmäßig heller und dunkler. Was sie treibt, scheinen reiner Übermut und Freude an den Bildern zu sein, in denen sie sich schwirrend vom Dämmerhimmel abheben. Nach einigen Pirouetten fließen alle wieder ineinander, werden zu einem Körper, den Wellen durchrollen: Schwarze Schriftzüge am Himmel - im Porzellan des Abends.
Irgendwann ist die Zeremonie beendet, sie sind sie alle auf ihre Bäume herabgefallen. Ich löse mich aus meinem Staunen, merke, wie mir die Kälte in meiner Bewegungslosigkeit durch Kleider und Handschuhe gekrochen ist.
Ein Sprung durch eine Tasse, assoziiere ich. Das ist die schnellste Bewegung von Materie, die es gibt. Ein alltägliches Küchenereignis als Rekordgeschwindigkeit, und denke schon nicht mehr an die Vögel, die ich nie vergessen werde.
Obwohl es eigentlich zu kalt ist, fängt es jetzt leise zu schneien an. Keine Kuschelflocken, sondern durchsichtige Stäubchen, die in alle Richtungen fliegen, nur nicht nach unten. Sie gleiten an mir vorbei, wie die hellen Lichtpunkte, die in der Disco aus der mit Spiegelstückchen beklebten, sich drehenden Glitzerkugel fallen. Im Schneegestöber dieser Lichter habe ich den Lessing getanzt, den Wittgenstein und den Rilke, hab sie auf den klebrigen Metallboden der Tanzfläche getanzt, bis ich sie loswar, für den Rest des Abends.
Ich versuche, alles in mich aufzunehmen, an diesem letzten Tag. Jetzt überquere ich den großen freien Platz zwischen dem Zentralen Hörsaalgebäude und der Universitätsbibliothek, wochenendleer.
Wochenendleer, hart gefroren, im Sommer staubig, grell weiß, blendend, gleißend. Ja, ja: El adjetivo mata - pero no tanto. Die UB liegt da wie ein gestrandetes Raumschiff. Letzte Woche hatten sie drin einen Zeitungsartikel aufgehängt: Deutsche Bibliotheken. Von der Zettelwirtschaft zum Kabelsalat. So sehr ich am Anfang gestaunt habe über die Mengen von leuchtenden Bildschirmen, auf denen man mit einem Knopfdruck ein Buch bestellen oder verlängern kann, nach Stichwörtern oder der Schuhgröße des Autors suchen kann, so erleichtert war ich, als ich ein Buch über Fernleihe bestellen wollte, und man mir eine alte klapprige und polternde mechanische Schreibmaschine zuwies. Das war, wie auf einem fremden Planeten eine Wärmflasche zu finden.
Gleich bin ich zu Hause, das mir wirklich ein zu Hause geworden ist. Es ist jetzt fast dunkel und das Zwielicht hat alle Farben verschluckt. Das macht es jeden Abend. Dann rülpst es noch mal, und dann ist Nacht.